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Erfolgreiche Tagung zur Regionalgeschichte "Archäologie und Gedächtnis"

2016-07-09 14:03

Im Mittelpunkt der Tagung zur Regionalgeschichte standen die vielen Facetten und Einsatzgebiete der Archäologie sowie die Herausforderungen, die das Forschen, Graben, Entdecken, Sichern und Interpretieren von Funden mit sich bringt. In sechs anschaulichen Vorträgen wurde deutlich, inwiefern sich unterschiedliche Wissenschaftsbereiche ergänzen können und wie unentbehrlich die Arbeit der vielen ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger und Ortschronisten im Landkreis Ludwigslust-Parchim ist. Durch ihre Funde und privaten Forschungsergebnisse unterstützen sie die Arbeit der Archäologen und Historiker und somit die Erforschung von Erinnerungsorten in unserer unmittelbaren Umgebung in erheblichem Maß. Nicht selten gaben sie in der Vergangenheit entscheidende Hinweise für die Arbeit, wie der Vortrag von Lars Saalow (Landesamt für Kultur und Denkmalpflege M.-V.) und Karsten Richter (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V.) über die Flugzeugbergung in Dreilützow deutlich machte.

Die Vorträge von Juliane Frank und Steffen Berger, beide von der Universität Kiel, zeigten auf beeindruckende Weise an den Beispielen der visuellen Rekonstruktionen des ehemaligen Konzentrationslagers Wöbbelin und des Durchgangslagers für deutsche Soldaten in Sülstorf, wie die Archäologie Vergangenes sichtbar machen kann. In beiden Fällen besteht heute das Problem, dass die ursprünglichen Orte heute teilweise zugewachsen sind bzw. als Ackerflächen genutzt werden. Juliane Frank konnte mit Hilfe von geomagnetischen Untersuchungen den Plan des KZ-Geländes Wöbbelin ergänzen. Bisher unbekannte Durchgänge und Wachtürme konnten lokalisiert werden und die Anzahl und Anordnung der Baracken konnte genauer bestimmt werden. In Sülstorf wurde im Rahmen der NEL eine große Fläche gegraben. Nach 71 Jahren wurden viele Funde aus der dreiwöchigen Lagerzeit zu Tage befördert, die Steffen Berger in seiner Arbeit wichtige Hinweise lieferten. Er konnte beispielsweise Aussagen darüber treffen, wie die Soldaten untergebracht waren und wie ihre Schlafplätze gestaltet waren.

Dr. Detlef Jantzen vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege M.-V. machte auf besondere Schwierigkeiten der Neuzeit aufmerksam. Da Relikte und Orte der jüngeren Vergangenheit oft nicht in dem Maße bewahrt wurden wie Gegenstände aus der Stein- und Bronzezeit, habe man es in Bezug auf die Neuzeit mit einem deutlich kleineren Gesamtbestand zu tun. Eine Änderung im Denkmalschutzgesetz von 1993 trug dazu bei, dass nun unabhängig der zeitlichen Epoche Orte und Gegenstände unter Denkmalschutz gestellt werden können. Allerdings müssen vor Ort andere archäologische Methoden angewandt werden als Ausgrabungen, denn die frei gelegten Reste zerfallen sehr schnell und der Aufwand, diese zu sichern, ist zu hoch. Dr. Jantzen betonte die Wichtigkeit von Erinnerungsorten und Denkmälern: Sie können uns Informationen über eine Vergangenheit geben, die (noch) nicht aufgeschrieben wurde. Dadurch wachsen Archäologie und Zeitgeschichte immer stärker zusammen.

Das von Thorsten Becker und Dr. Frank Andraschko (Archäologisches Institut der Universität Hamburg) vorgestellte Konzept des Regiobrandings („Die Region als Marke“) zeigte, dass sich durch Archäologie regionale Besonderheiten und touristische Anziehungspunkte herausstellen lassen, die als Alleinstellungsmerkmal genutzt werden können. Am Fallbeispiel Griese Gegend – Elbe Wendland machten sie anhand der unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten deutlich, welchen Einfluss die Eiszeit auf diese Regionen hatte.

Besonders spannend war der Bericht von Rolf Schulze, vom Landesamt für Kultur und Denkmalpflege M.-V., über die Rettungsgrabung am Grabower Marktplatz. Städtische Baumaßnahmen mussten unterbrochen werden, als der Bagger die ersten Erdschichten abgetragen hatte. Zum Vorschein kamen Ausstellungsstücke des früheren Heimatmuseums und Gegenstände der ehemaligen Polizeistation sowie Militärausstattung. Anhand von Fotos aus dem Stadtarchiv, Inventralisaten des Heimatmusuems und Zeitzeugenberichten konnte die sehr spannende Geschichte rekonstruiert werden, die sich am Ende des zweiten Weltkrieges im Mai 1945 zugetragen hat.

Die Veranstaltung endete mit der Bildung einer Arbeitsgruppe Regionalgeschichte im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Mehr als 20 Anwesende zeigten Interesse, sich in regelmäßigen Abständen zum Thema Das Jahr 1945 zu treffen und ihre Forschungsergebnisse zur Geschichte, insbesondere des Kriegsendes 1945 in der Region auszutauschen.

Das erste Treffen findet am Samstag, dem 5. November 2016, um 10 Uhr in den Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin statt.

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